Es gibt diese Tage...
…an denen ich mich frage, ob ich diesen Beruf wirklich bis zur Rente machen möchte.
Ja, wirklich.
Nicht oft. Aber es gibt sie.
Und wisst ihr was?
Ich glaube, jeder Selbstständige kennt diese Tage. Ganz egal, ob man Personalberater, Handwerker, Steuerberater oder Fotograf ist. Diese Tage gehören einfach dazu. Man spricht nur viel zu selten darüber.
Die Tage, an denen ein Kunde nach Wochen plötzlich entscheidet, eine Stelle doch nicht mehr zu besetzen. Obwohl ich bereits unzählige Stunden in die Suche investiert habe.
Die Tage, an denen sich ein Anforderungsprofil komplett verändert und ich im Grunde wieder bei null anfange.
Die Tage, an denen ich zum hundertsten Mal auf "Senden" klicke, Direktnachrichten schreibe, telefoniere, recherchiere und mein Netzwerk nutze – und trotzdem kaum eine Rückmeldung erhalte.
Die Tage, an denen ich weiß, dass ich den richtigen Kandidaten gefunden habe – ihn aber gar nicht erreiche, weil er wahrscheinlich schon von zehn anderen Recruitern angeschrieben wurde und meine Nachricht zwischen all den anderen untergeht.
Die Tage, an denen ein erstes Gespräch großartig läuft, beide Seiten begeistert sind und ich denke: "Das könnte richtig gut werden." Nur um zwei Tage später zu erfahren, dass der Kandidat ein Gegenangebot angenommen hat und bleibt.
Die Tage, an denen ich den Laptop zuklappe und mich frage, ob ich heute überhaupt einen Schritt weitergekommen bin.
Gerade bei besonders gefragten Berufsgruppen ist das inzwischen Alltag.
Viele Fachkräfte werden täglich von Recruitern angeschrieben. Irgendwann klickt man solche Nachrichten vermutlich nur noch genervt weg. Das kann ich sogar nachvollziehen.
Und trotzdem sitzt auf der anderen Seite oft ein Mensch, der sich vorher intensiv mit genau diesem Profil beschäftigt hat.
Der überlegt hat, warum diese Position vielleicht wirklich passen könnte.
Der sich Gedanken über das Unternehmen gemacht hat.
Der versucht hat, keine Standardnachricht zu schreiben.
Der hofft, wenigstens eine Antwort zu bekommen – selbst wenn sie nur lautet: "Nein, danke."
Recruiting besteht aus viel Arbeit, die niemand sieht
Viele glauben, Personalberatung bedeutet vor allem: Lebensläufe weiterleiten.
Wenn es doch so einfach wäre.
Bevor ich überhaupt den ersten Kandidaten kontaktiere, beginnt die eigentliche Arbeit.
Ich versuche zu verstehen, was mein Kunde wirklich sucht. Oft steht das nämlich gar nicht vollständig in einer Stellenbeschreibung.
Ich überlege, welche Unternehmen als Zielfirmen infrage kommen.
Ich entwickle Suchstrategien.
Ich teste Suchbegriffe.
Ich schreibe Direktansprachen, die hoffentlich nicht wie die hundert anderen Nachrichten klingen.
Und dann beginnt die eigentliche Arbeit erst.
Telefonate.
Videointerviews.
Beratung.
Zuhören.
Zwischen den Zeilen lesen.
Manchmal auch einfach jemanden auffangen, der gerade seinen Arbeitsplatz verloren hat oder völlig unsicher ist, wie es beruflich weitergehen soll.
Nicht jedes Gespräch endet mit einer Vermittlung.
Und trotzdem war kaum eines davon umsonst.
Ein Beruf, in dem man nicht alles beeinflussen kann
Was viele unterschätzen: In meinem Beruf gibt es unglaublich viele Dinge, die ich einfach nicht steuern kann.
Ich kann den perfekten Kandidaten finden.
Ich kann ihn für eine Position begeistern.
Ich kann ihn optimal auf ein Vorstellungsgespräch vorbereiten.
Ich kann den Kunden beraten und beide Seiten bestmöglich zusammenbringen.
Und trotzdem kann am nächsten Morgen alles anders sein.
Der Kunde stoppt die Stelle.
Das Budget wird eingefroren.
Die Anforderungen ändern sich.
Ein Kandidat entscheidet sich kurzfristig doch für seinen bisherigen Arbeitgeber.
Oder für ein anderes Angebot.
Natürlich frustriert mich das manchmal.
Vor allem dann, wenn ich weiß, wie viel Herzblut bereits in einem Projekt steckt.
Aber genau das gehört zu meinem Beruf.
Und ich habe gelernt, dass Erfolg nicht bedeutet, jeden Auftrag erfolgreich abzuschließen.
Erfolg bedeutet, am nächsten Morgen trotzdem wieder mit derselben Motivation den Laptop aufzuklappen.
Die schönsten Momente haben oft nichts mit einer Vermittlung zu tun
Zum Glück gibt es nämlich auch die anderen Tage.
Die Tage, an denen sich jemand einfach bedankt.
Für ein ehrliches Gespräch.
Für einen Rat.
Für ein offenes Feedback.
Für eine Einschätzung, die vielleicht gar nicht das war, was derjenige hören wollte – die ihm am Ende trotzdem weitergeholfen hat.
Ich bekomme Nachrichten von Menschen, denen ich gar keinen Job vermittelt habe.
Die sich trotzdem bedanken.
Weil ich mir Zeit genommen habe.
Weil ich zugehört habe.
Oder weil ich ihnen einen kleinen Denkanstoß mitgegeben habe.
Manche melden sich Monate oder sogar Jahre später wieder.
Nicht, weil sie damals vermittelt wurden.
Sondern weil sie sich daran erinnern, wie sie behandelt wurden.
Und genau das bedeutet mir unglaublich viel.
Erfolg sieht manchmal ganz anders aus
Ich habe aufgehört, meinen Beruf ausschließlich an Vermittlungen zu messen.
Natürlich freue ich mich über jede erfolgreiche Besetzung – schließlich lebe ich davon.
Aber genauso freue ich mich über einen Kandidaten, der nach einem Gespräch sagt:
"Vielen Dank. Das hat mir wirklich geholfen."
Oder über einen Kunden, der mich weiterempfiehlt, weil er weiß, dass ich mich kümmere.
Oder über jemanden, der sagt:
"Ruf doch mal Frau Zimmermann an. Die hört dir wirklich zu."
Das kann man in keiner Statistik messen.
Und genau deshalb ist es wahrscheinlich auch so wertvoll.
Warum ich trotzdem weitermache
Weil auf jeden dieser schwierigen Tage meistens auch wieder ein richtig guter folgt.
Dann passt plötzlich alles.
Ein Kunde ist glücklich.
Ein Kandidat unterschreibt seinen Arbeitsvertrag.
Oder beide Seiten entscheiden sich gemeinsam für den nächsten Schritt.
Ja, das klingt jetzt fast wie eine Partnervermittlung.
Und wenn ich ehrlich bin, hat mein Beruf manchmal tatsächlich ein bisschen Ähnlichkeit damit.
Denn am Ende geht es darum, zwei Parteien zusammenzubringen, die zueinander passen.
Und genau dann weiß ich wieder, warum ich diesen Beruf so gerne mache.
Vielleicht klingt das kitschig.
Für mich ist genau das der Grund, warum ich jeden Morgen wieder gerne starte.
Natürlich gibt es Tage, an denen ich zweifle.
Aber wenn ich zurückblicke, erinnere ich mich nicht an die abgesagten Aufträge oder die unbeantworteten Nachrichten.
Ich erinnere mich an die Menschen.
An die Gespräche.
An das Vertrauen.
An die kleinen Erfolgsgeschichten, die nach außen oft niemand mitbekommt.
Vielleicht sind genau diese schwierigen Tage der Grund, warum sich die guten Tage später so besonders anfühlen.
Und deshalb werde ich morgen wieder den ersten Kaffee trinken, meinen Laptop aufklappen und mit der nächsten Suche beginnen.