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Fachkräftemangel: Hausgemacht, Mythos oder schlicht falsch eingeordnet?

Eine Stelle bleibt über Monate unbesetzt. Ist das bereits der Beweis für einen Fachkräftemangel?
Nicht unbedingt.
Vielleicht gibt der Kandidatenmarkt tatsächlich kaum passende Menschen her. Vielleicht passen aber auch Aufgaben, Gehalt, Standort und Anforderungen nicht zusammen. Oder die gesuchten Fachkräfte existieren durchaus – sie sind nur nicht aktiv auf Jobsuche und werden mit den bisherigen Methoden nicht erreicht.
Nach 25 Jahren in der Personalberatung ist meine Einschätzung deshalb ziemlich klar:
Der Fachkräftemangel ist real. Aber er existiert nicht überall, nicht in jeder Funktion und nicht immer aus den Gründen, die Unternehmen zunächst vermuten.
Hausgemacht? Zum Teil ja.
Ich verstehe diese Kritik und teile sie teilweise sogar.
Die demografische Entwicklung kam schließlich nicht überraschend. Schon vor vielen Jahren war absehbar, dass in bestimmten Bereichen mehr Menschen aus dem Arbeitsleben ausscheiden würden, als Nachwuchs nachkommt.
Gleichzeitig wurde zu wenig dafür getan, manche Berufsbilder attraktiv und sichtbar zu machen. Ausbildungsplätze wurden reduziert, Nachwuchsarbeit vernachlässigt und notwendige Veränderungen immer wieder verschoben.
Es lief ja noch. Es gab noch genügend Bewerberinnen und Bewerber. Warum also etwas verändern?
Diese Haltung rächt sich heute in einigen Bereichen.
Hausgemacht kann ein Besetzungsproblem aber auch auf Unternehmensebene sein: wenn Anforderungsprofile über Jahre immer umfangreicher werden, Gehälter nicht mehr zum Markt passen oder Auswahlprozesse so lange dauern, dass gute Kandidaten längst eine andere Entscheidung getroffen haben.
Ist der Fachkräftemangel also nur ein Mythos?
Nein. Diese Aussage wäre genauso undifferenziert wie die Behauptung, überall würden Fachkräfte fehlen.
Eine 2026 veröffentlichte Auswertung des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung kommt zu dem Ergebnis, dass im Jahresdurchschnitt rund 393.000 von insgesamt 1,1 Millionen offenen Stellen rechnerisch nicht mit passend qualifizierten Arbeitslosen besetzt werden konnten.
Gleichzeitig gibt es Berufsfelder, in denen deutlich mehr qualifizierte Menschen eine neue Position suchen, als passende Stellen angeboten werden.
Beides kann zur gleichen Zeit wahr sein.
Der entscheidende Punkt ist deshalb nicht, ob es „den Fachkräftemangel“ gibt. Entscheidend ist, in welchen Berufen, Regionen und Qualifikationsbereichen er tatsächlich besteht.
Drei unterschiedliche Probleme, die häufig miteinander verwechselt werden
In meiner täglichen Arbeit begegnen mir im Wesentlichen drei Situationen:
1. Ein echter Kandidatenengpass
Es gibt in einer bestimmten Region oder Spezialisierung tatsächlich nur sehr wenige geeignete Fachkräfte. Unternehmen konkurrieren um einen kleinen Kandidatenmarkt.
2. Eine unrealistisch aufgesetzte Position
Die gesuchte Kombination aus Erfahrung, Aufgaben, Standort, Verantwortung und Gehalt ist am Markt kaum zu finden. In diesem Fall löst auch eine größere Reichweite das Problem nicht.
3. Eine grundsätzlich besetzbare Position mit der falschen Suchstrategie
Geeignete Menschen sind vorhanden, bewerben sich aber nicht aktiv. Sie müssen identifiziert, individuell angesprochen und mit einer glaubwürdigen beruflichen Perspektive erreicht werden.
Gerade bei anspruchsvollen Fach- und Führungspositionen in Banken, bei Finanzdienstleistern und im industriellen Mittelstand erlebe ich die dritte Situation regelmäßig.
Die Position ist nicht unbesetzbar. Aber eine Stellenanzeige allein reicht nicht mehr aus.
Was Unternehmen vor Beginn einer Suche klären sollten
Bevor immer mehr Anzeigen geschaltet oder weitere Personalvermittler beauftragt werden, sollten einige grundlegende Fragen beantwortet sein:

  • Wie groß ist der realistisch erreichbare Kandidatenmarkt?
  • Welche Anforderungen sind unverzichtbar – und welche lediglich wünschenswert?
  • Passen Verantwortung, Vergütung und Rahmenbedingungen zusammen?
  • Warum sollte ein gut beschäftigter Mensch gerade zu diesem Unternehmen wechseln?
  • Ist der Auswahlprozess schnell und verbindlich genug?
  • Werden nur aktiv Suchende erreicht oder auch latent wechselbereite Fachkräfte?

Eine ehrliche Beantwortung dieser Fragen ist nicht immer bequem. Sie verhindert aber, dass Unternehmen monatelang mit einer Suche arbeiten, die unter den bestehenden Voraussetzungen kaum erfolgreich sein kann.
Langfristig beginnt das Problem noch früher
Natürlich müssen wir auch darüber sprechen, wie junge Menschen ihre beruflichen Entscheidungen treffen.
Viele stehen kurz vor dem Schulabschluss und wissen kaum, welche Berufe und Entwicklungsmöglichkeiten überhaupt existieren. Mir ging es damals nicht anders. Auch mein eigener Weg in die Personalberatung war eher Zufall als langfristiger Plan – und aus diesem Zufall wurde eine echte Leidenschaft.
Eine frühere, ehrlichere und praxisnähere Berufsorientierung könnte jungen Menschen helfen, eine fundiertere Entscheidung zu treffen. Und sie könnte Berufen Nachwuchs bringen, die heute kaum wahrgenommen werden, obwohl sie interessante und langfristige Perspektiven bieten.
Das ist allerdings eine langfristige Aufgabe. Die offenen Positionen von heute müssen Unternehmen trotzdem unter den heutigen Bedingungen besetzen.
Mein Fazit
Der Fachkräftemangel ist weder eine erfundene Krise noch eine pauschale Erklärung für jede unbesetzte Stelle.
Er ist real, aber ungleich verteilt. Teilweise wurde er über Jahre begünstigt. Und teilweise wird ein vermeintlicher Fachkräftemangel diagnostiziert, obwohl eigentlich das Anforderungsprofil, die Rahmenbedingungen oder die Suchstrategie das Problem sind.
Deshalb beginnt eine professionelle Personalsuche für mich nicht mit einer möglichst langen Kandidatenliste.
Sie beginnt mit einer ehrlichen Einschätzung des Marktes:
Ist diese Position unter den gegebenen Voraussetzungen besetzbar? Welche Menschen können wir tatsächlich erreichen? Und was muss ein Unternehmen bieten, damit aus einem ersten Kontakt eine ernsthafte Wechselentscheidung werden kann?
Genau daran arbeite ich jeden Tag – persönlich, individuell und mit einem realistischen Blick auf den Kandidatenmarkt.

Sie möchten wissen, ob Ihre offene Position unter den aktuellen Rahmenbedingungen realistisch besetzbar ist? Gerne gebe ich Ihnen eine erste Einschätzung zum Kandidatenmarkt und zur geeigneten Suchstrategie.

Quelle: Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung, „Fachkräftemangel trifft KMU regional unterschiedlich stark“, veröffentlicht am 5. Juni 2026.